Felix Ermacora über Rasuly

Sarajuddin RASULY
Politischer Strukturwandel in Afghanistan
Frankfurt am Main, Peter Lang Verlag, 1993: S.9-10

Vorwort
Die philosophische Dissertation Dr. Rasulys, „Strukturwandel des politischen Systems:
Modernisierung in Afghanistan von 1919 bis 1973“, verlangt besonderes Interesse. Ihr Studium macht die Entwicklung des gegenwärtigen Konfliktes in Afghanistan erst verständlich so wie die Kenntnis der Vergangenheit für das Verstehen der Gegenwart unerlässlich ist. Der bewaffnete Konflikt in Afghanistan, der vor allem durch die sowjetische Intervention im Jahre 1979 die Weltöffentlichkeit auf den Plan gerufen hatte, hat ein historisches soziologisch-politisches Vorfeld, das die Arbeit Rasulys wie keine zweite einsehbar macht Es werden die sozialen und politischen Kräftefelder Afghanistans abgesteckt, aus denen der gegenwärtige Konflikt erwachsen ist. Der Wille der herrschenden Kräfte zum „Modernismus“ des Landes war bei jedem der herrschenden Persönlichkeiten vorhanden. Afghanistan und seine Bevölkerung sollten nicht hinter dem Fortschritt in einzelnen Regionen der Welt zurückstehen! Das Tempo und die Mittel, durch die „Modernismus“ erreicht werden sollten, waren bei den Kräftegruppen unterschiedlich. Rasulys Arbeit befasst sich mit der Entwicklung bis knapp vor der Wandlung der Staatsform im Jahre 1974 von einer konstitutionellen Monarchie zu einer Republik. Die Reformbestrebungen werden sichtbar und auch die Abhängigkeiten, in die sich Afghanistan begeben hatte, um den Modernismus zu beschleunigen. Afghanistans Politik war zu schwach, um Afghanistan zum Zünglein an der Waage der Großmachtinteressen der USA und der UdSSR zu machen. Die Waage neigte sich zur Sowjetunion, die durch ihre Entwicklungshilfe eigene Strategien verfolgte und die durch die Ausbildung der afghanischen Armee ein Schwergewicht in das Land legte, das auf die spätere blockfreie Politik einwirken sollte. Rasuly macht den innerpolitischen Machtkampf sichtbar, der in den Kräften, die politische Macht und Reformmacht – nur um diese ging es, ausüben wollten, herrschte. So wird durch Rasulys Schrift verständlich, warum die Entwicklung Afghanistans unentrinnbar in Krise der Jahre l 974/78/79 bis zur Gegenwart führte, warum das Interesse Pakistans im Hintergrund der Großmachtinteressen das Konfliktpotential verstärkte. Das Konfliktpotential, das es in Afghanistan immer gab und sich an dem Modernismus entzündete, hat durch die Eskalation des Konfliktes, der kraft des Abzugs der sowjetischen Gruppen im Jahre  1989 die Lage  nur scheinbar beruhigte, die Gruppierungen der politischen Kräfte auch außerhalb G:cnzen  Afghanistans  angesiedelt.  Sie an einen Verhandlungstisch zu [S.10] bringen, ist so besonders schwierig, weil sie ihre Interessen von Außen wirksamer zu vertreten meinen als würden sie sich zum Verhandlungstisch begeben. Die Schrift Rasulys zeigt, daß die afghanischen Kräfte nie im Gespräch, im demokratischen   Gespräch   die  grundlegenden   Probleme des Landes behandeln  und  lösen konnte, weil die Staatsführung  immer auf die Beteiligung  des  Volkes  und  seiner  Exponenten  verzichtet  hatte, sondern meinte, die afghanische Gesellschaft allein regieren zu können. Daß dies aber nicht gelungen ist, das zeigt die Arbeit. Sie ist auch für den Staatstheoretiker interessant, weil Rasuly die Schwerpunkte der Verfassungsentwicklung von 1923 bis 1964 aufzeigt.  Daß sich der Verfasser nicht in  die Analyse der Ereignisse der zweiten Herrschaft Daouds, seines Sturzes und der  Machtergreifung kommunistischer Kräfte und Ideen, ihren Fall und das Transitorium der Gegenwart einläßt, ist verständlich,  aber doch bedauerlich, weil mit den afghanischen Verhältnissen als Insider so sehr gut vertraut und – wie die vorliegende Schrift zeigt – imstande ist, ein abgewogenes Urteil abzugeben. Dr. Rasuly nimmt Ergänzungen seiner Ausführungen vor, die die Änderungen der politischen Verhältnisse seit dem Zusammenbruch des Kabul-Regimes im April 1992 zum Gegenstand haben. Hier zeigt er die historischen Fakten und die Positionen im Kampf um die Staatsgewalt auf, der noch immer nicht zu Ende ist. Rasuly macht eine Entwicklung sichtbar, die bislang in aller Schärfe noch nicht gesehen worden ist: das Verlangen aller ethnischen Gruppen an der Beteiligung an der politischen Macht. Nach meiner Meinung kann dies nur im Wege einer föderalistischen Ordnung der Staatsmacht friedlichem Wege erfolgen.

Als Spezialberichterstatter für die Menschenrechtslage in Afghanistan, zu dem ich von den Vereinten Nationen seit 1984 schon sieben Mal bestellt worden bin, hat mir die Schrift Rasulys eine große Bereicherung meines Wissens geboten.

Wien, im Dezember 1992
Felix Ermacora

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